1991 traf ich Rick aus Kanada in Harare, der Hauptstadt von Zimbabwe. Er war, wie ich auch, mit dem Fahrrad in Afrika unterwegs. Es war unser zweites Aufeinadertreffen, nachdem wir uns Monate zuvor schon in Nairobi getroffen hatten. Rick konnte mich davon überzeugen, mit ihm zusammen bis nach Lagos in Nigeria zu fahren. Fast zwangsläufig mußten wir also durch Zaire fahren, da das Land so groß und zentral gelegen ist. Das Visum besorgten wir bei der Botschaft gleich in Harare. Wir fragten auch gleich nach dem Permis Minière, da wir wußten, daß man das in Zaire braucht, wenn man durch das ganze Land reisen wollte. Man sagte uns aber, daß man dieses nur in Kinshasa beim Ministerium bekomme.
Also machten wir uns ohne Visum auf den Weg. Ein LKW, der einer Südafrikanerin gehörte, die Rick kennengelernt hatte, nahm uns mit von Harare bis nach Chingola in Sambia, von wo aus wir dann bis nach Lubumbashi geradelt sind. Am Ende einer bequemen Tagestour waren wir also in Lubumbashi und suchten eine Unterkunft. Ich weiß nicht mehr, wie wir da hingeraten waren, aber wir sind in einem Nebengebäude einer Kirche untergekommen. Ein Jugendlicher freundete sich sogleich mit uns an und half uns bei allen Fragen. Unsere Frage war, ob und wann es einen Zug nach Kananga gibt. Die Frage, wann der Zug fahren würde, konnte er uns nicht beantworten, aber er brachte uns zum Bahnhof. Dort stellten wir fest, daß die Abfahrt des nächsten Zuges nach Kananga in 7 Tagen sein würde. Wir fragten nach dem Preis für eine Fahrkarte und unser Freund meinte dann, wir sollten die Karten noch nicht kaufen, da er jemanden kenne, der uns die Karten billiger verschaffen könne.
Am nächsten Tag sind wir also mit dem Freund des Freundes zum Bahnhof gegangen. Der neue Freund ging dort in ein Büro und sprach mit einer wichtigen Person. Als er wieder heraus kam, meinte er dann, wir müßten am Mittag nochmal hinkommen. Da der neue Freund nicht mehr kam, haben wir die Tickets zum normalen Preis gekauft und die Tage bis zur Abfahrt gewartet. Bei dem Freund, der uns die Tickets nicht mehr billiger besorgt hatte, waren wir zum Essen eingeladen. Dort ist das Hauptgericht gekochtes Maismehl, Beilage war eine aus Okra-Schoten gekochte Soße, die Fäden zog, wie Kaugummi. Wenn man es nicht gewohnt ist mit den Fingern zu essen, dann klebt der Mais einem an den Fingern fest. Unsere Gastgeber behielten fast saubere Finger, trotz des klebrigen Maisbreis. Dann wurden wir noch auf eine Hochzeitsfeier mitgeschleppt und alle freuten sich, daß wir gekommen waren. Auch einen jungen Deutschen lernten wir noch in Lubumbashi kennen, der irgendwelche krumme Geschäfte im Zusammenhang mit Kupfer machte. Lubumbashi gehört zum Copperbelt und es gibt dort viele Kupferminen.
Am Tag der Abfahrt saßen wir dann stundenlang schon im Zug und warteten auf die Abfahrt – keiner hatte uns gesagt, daß erst der aus Ilebo kommende Zug im Bahnhof sein muß, damit wir losfahren können. Dann kam ein Zug in den Bahnhof eingefahren und die ganzen Fahrgäste liefen draußen vorbei. Da sah ich Jean-Luc aus Ajaccio auf Korsika, den ich auch schon aus Kenia kannte und mit dem ich in Ostzaire bei Goma den Vulkan Nyiragongo bestiegen hatte. Er war danach in einem Einbaum auf dem Kongo bis nach Kinshasa gefahren. Und dann war er mit einer Fähre bis nach Ilebo gefahren, wo man alle Ausländer ohne Permis Minière sofort ins Gefängnis steckte und erst nach Zahlung einer hohen Strafe wieder frei ließ, wie er jetzt erzählte. Wir waren also gewarnt.
3 Tage sollte die Fahrt dauern, also genug Zeit, sich einzurichten. Ein Mitreisender aus Angola, der mit im Abteil war, hatte sich in Lubumbashi einen Radiorekorder mit eingebauter Taschenlampe gekauft und wollte das Gerät, stolz wie er war, jetzt ausprobieren und natürlich vorführen. Leider war es nun so, daß nichts funktionierte und die ganze Belegschaft des Abteils, 8 Personen, schallend lachen mußte – na gut der arme Kerl hat nur halb mitgelacht, er war es ja, der den Schaden hatte. Aber hätte er das Gerät nicht schon beim Kauf testen müssen, zumal er keine Möglichkeit haben würde, zu reklamieren? Am Abend ging es dann darum, einen guten Platz zum Schlafen zu ergattern. Die Nacht war unbequem, aber man hat sie irgendwie hinter sich gebracht.
Am nächsten Tag dann ein Aufenthalt in einem kleinen Städtchen. Der Zug bleibt stehen, und draußen am Bahnsteig ist ein buntes Treiben. Händler, die mit ihren Waren in den Zug einsteigen wollen, Verkäufer, die auf kleinen Tabletts etwas zum Essen verkaufen. Obstverkäufer, Kinder, Schaulustige. Da spricht mich ein Mann an und behauptet, Polizist zu sein, ich solle ihm doch bitte einmal meinen Paß zeigen. Da der Mann in zivil gekleidet ist, ignoriere ich ihn einfach und gehe zurück in unser Abteil, um Rick von dem Vorfall zu erzählen. Kurz danach kommt dieser Mann zu unserem Abteil, diesmal begleitet von 2 uniformierten Männern. Wieder sagt er, er sei Polizist und bittet darum, meinen Paß kontrollieren zu dürfen. Nun gebe ich ihm also meinen Paß. Auch Rick’s Paß will er dann sehen. Rick ist schlau und hält ihm den Paß hin, behält ihn aber in seinen Händen. Da meint der Polizist in zivil, ich solle doch einmal mitkommen in die Wache, die sei nicht weit weg. Er wolle kein Geld, sondern er mache ja auch nur seinen Job.
Okay, was bleibt mir übrig, er hat meinen Paß, also gehen wir mit ihm zu einem etwa 100 m entfernten Büro. Dort läßt er uns an einem Tisch sitzen und legt mir nun einen kopierten Zettel hin und fragt, ob ich französisch verstehe. Natürlich, was reden wir denn die ganze Zeit? Also soll ich den Zettel lesen. Ich lese in dem Gesetzestext, daß wer kein Permis Minière hat, bestraft werden kann mit einer Geldstrafe und oder Gefängnis. Wohlgemerkt: Eine der Strafen alleine oder beide zusammen. Nun kommt der Mann wieder und will wissen, ob ich den Zettel gelesen habe. Ich bejahe. Dann fragt er, ob ich es auch verstanden habe. Ich bejahe wieder. Dann will er wissen, was ich dazu meine. Ich sagte ihm also, daß er gesagt hatte, kein Geld zu wollen und folglich auch keines bekommen werde.
In diesem Moment tutete die Lok unseres Zuges und ich sagte sofort in einem sehr bestimmten Ton mit drohendem Finger: “Ich habe all mein Hab und Gut, inklusive meinem Geld, in dem Zug! Wenn der Zug ohne mich abfährt, dann sind Sie verantwortlich!” Der Mann überlegte kurz, um dann zu sagen: “On y va.” Wir beeilten uns, zurück zum Zug zu kommen und gingen in unser Abteil zurück. Der Zug stand dann noch eine weitere halbe Stunde dort, bevor er weiter fuhr. Da hatten wir also richtig großes Glück gehabt, das hätte nämlich auch richtig teuer werden können.
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