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Es macht traurig: Abschied von Haja, der man in Antananarivo das Gehirn aus dem Kopf geschossen hat

Buch lesen bei Kerzenschein

Für Dich, Haja

Sie hieß Haja, sie arbeitete beim Büchermarkt Tonta in Ambohijatovo. Gestern, 24. April 2009, wurde ihr Schädel von einer verirrten Kugel zerschmettert, als sie versuchte, ihren Laden zu schließen.

Ich kam häufig zu ihr, um Bücher zu kaufen, zu tauschen. Sie war hilfsbereit, sie war nett, sie war seriös. Sie gehörte zu jenen wenigen Leuten, den Arbeitsamen, die in aller Stille arbeiten. Sie wissen schon, die, die Sie nie die Stimme erheben hören! Sie gehört zu jenen Leuten, die ihr fernes Dorf verlassen haben, um zu versuchen, Arbeit in der Hauptstadt zu finden. Sie war nicht die Chefin, Sie unterstützte die Eigentümerin und ersetzte sie, wenn diese abwesend war, weil sie ehrlich und couragiert war.

Vor einer Woche half sie mir bei der Auswahl von Büchern, und sie, die für gewöhnlich nicht viel redete, vertraute mir an, daß sie ständig in Angst lebte: auf dem Weg zur Arbeit oder am Abend bei der Rückkehr in ein unbequemes Viertel, den ganzen Tag an der Arbeit. Sie bekannte mir gegenüber, daß die Geschäfte schon sehr schlecht gingen, der Laden könne sich nich erlauben, zu schließen, und daß sie auch Angst gehabt habe, ihre Arbeit zu verlieren. Angst vor allem: Vor Arbeitslosigkeit, vor Taschendieben, vor Schlägern, vor den Militärs, davor, verletzt zu werden, getötet zu werden …

Wissen Sie, daß der Büchermarkt Tonta von Ambohijatovo zu den kleinen, malerischen Märkten von Tana gehört? Das sind Bretterbuden, wo die seltsamsten Bücher sich stapeln, sich verkaufen, getauscht werden. Dies ist auch einer der wenigen Orte in der Hauptstadt, wo man alte Bücher über Madagaskar kaufen kann. Der letzte Katalog von Surcouf enthält neben der Tantaran’ny Andriana und den Blumen des Bösen von Baudelaire eine genaue Buchführung!

Haja las nicht viel, aber Du konntest sie nach dem letzten Harry Potter fragen oder dem Code des Da Vinci als Taschenbuch, sie fand sie in kürzester Zeit, während sie in einem unwahrscheinlichen Haufen von Büchern wühlte! Jeden Morgen sortierte Haja die Bücher und stellte die Neuheiten heraus. Während diesem “letzten Mal” sagte sie mir: Unser Problem im Falle von Unruhen ist, daß wir viel Zeit zum Schließen brauchen. Es ist nicht die Metalltür, die man sehr schnell zuschieben kann, man muß zuerst die Bücher räumen, um die aus Holz-Platten bestehenden Klappen zu schließen.

Und ja Haja, Du hattest Recht, das braucht Zeit, zu schließen – die Zeit für eine Kugel, um Dich zu erreichen…

Heute, in Ambohijatovo, waren wir nicht zahlreich, um Dir Adieu zu sagen. Aber die meisten hatten Tränen in den Augen, als sie Deinen Sarg aus Kieferbrettern auf diesem Taxi-Brousse sahen, diesem einzigen Taxi-Brousse, das Dich in Deine Heimat führen wird, dort, wo Du nicht oft hingefahren bist, weil ein Fahrschein so sehr teuer ist.

Wir waren da, das Herz bedrückt und die Angst im Bauch, unter den kaltblütigen Augen der behelmten und bis an die Zähne bewaffneten Militärs… es scheint, daß Gott oder die Großen dieser Welt sehr beschäftigt sind im Irak oder in Sri Lanka und daß sie sich noch nicht um uns kümmern können.

Dazu wird es mehr als des Todes einer jungen, “unbedeutenden” Frau, die Haja genannt wurde, bedürfen.

Adieu und viel Glück für Dich in Deinem neuen Leben. Mögest Du dort den Frieden finden.

Ich habe das Buch, das Du mir ausgesucht hast, noch nicht fertig gelesen …

Antananarivo den 25. April 2009

 

 

 

 

 

Das Original auf französisch: www.topmada.com/2009/04/lettre-a-haja

Foto: aboutpixel.de / Jonathan Spielbrink

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