Der folgende Artikel erschien am 29. 12. 2008 bei der
Publikation Témoignages
auf der Insel Réunion und ist durchaus beunruhigend:
Madagaskar
Spannung zwischen dem Bürgermeister der Hauptstadt und der Regierung.
Werde es zu Manifestationen führen?
Siebenundvierzig Parteien – Gewerkschaften, Verbände und die zivile Bevölkerung vereinigten sich für die Wahrung der demokratischen Freiheiten.
Werde die Große Insel wieder Schauplatz von Demonstrationen und Bewegungen, die ihre Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten geprägt habe? Das sei die Frage, die sich viele Beobachter des politischen Lebens Madagaskars Ende dieses Jahres stellten. Warum diese Frage?
Der Status der politischen Parteien in Frage
Zwei scheinbar “unbedeutende” Ereignisse, die Anfang November vorgefallen seien, seien Ursprung der aktuellen Unruhen, deren Ausgang man noch nicht kenne. Am 7. November habe die Partei AKFM, die älteste Partei Madagaskars, ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Alle bestehenden politischen Parteien, von der Opposition, wie aus der präsidentischen Bewegung, mit Ausnahme der Tiako i Madagasikara (TIM), seien bei der Gedenkfeier vertreten gewesen, um die geschichtlichen Verdienste dieser Partei beim Kampf um Unabhängigkeit zu würdigen.
Alle Teilnehmer und Gäste hätten festgestellt, daß das für dieses Jubiläum gewählte Thema daran erinnere, daß der Kampf für die nationale Souveränität und Demokratie weiterhin aktuell sei. Die AKFM habe in Schlagworten klar und deutlich resümiert: “Madagaskar gehört den Madagassen, aber ist nicht der Besitz von multinationalen Unternehmen oder einer Minderheit von Raubtieren, die nach persönlichen Profiten dürsten” und “Laßt uns unsere Kräfte sammeln, um unser Land zu retten”. Diese Schlagworte seien ein Volltreffer, wie der Andrang der anwesenden politischen Parteien beweise. Es sei tatsächlich das erste Mal seit der einzigen Konferenz der Oppositionsparteien 2005, daß die madagassischen politischen Parteien sich an einem Ort getroffen hätten, um Informationen auszutauschen und nach einem möglichen Konsens für gemeinsame Aktionen zu suchen.
Madagaskar gehört den Madagassen
Am selben Tag, am 7. November, habe der Wirtschafts-und Sozialrat – eine Vereinigung der bürgerlichen Gesellschaft, die nationalen Wirtschaftsunternehmer verschiedener Aktivitäten – die Vertreter von 22 Regionen vereint, um die Schwere der sozialen Krise zu erläutern, die die Mehrheit der Madagassen treffe. Diese Veranstaltung habe ein großes Interesse auf der Seite der madagassischen Unternehmer erregt, von denen vielen gar nicht bewußt gewesen sei, daß der Druck, die Drohungen, “die fiskalische Umstellung”, die Schikanen, deren sie Opfer gewesen seien, offenbar das Los der Meisten sei, durch eine Macht, die munter private Interessen und öffentliche Gewalt mische.
Der Widerhall dieser Treffen habe sicherlich Auswirkungen auf höchster Ebene ghabt, da der Präsident Ravalomanana selbst erklärt habe, daß er meine, “die Zeit war reif” die Politik in Madagaskar zu modernisieren und daraus ein echtes Instrument im Dienste der nationalen Entwicklung zu machen. Er habe schließlich die Durchführung einer Tagung vorgeschlagen, bei der alle politischen Parteien präsent sein sollten, und er habe die Regierung mit der Ausarbeitung eines Textes zur “Professionalisierung” der Politik und zur Verringerung der Zahl der Parteien beauftragt. Diese Versammlung im Palast von Iavoloha habe man für den 17. Dezember festgesetzt.
Zurückhaltende politische Parteien
In ihrer Mehrheit hätten die politischen Parteien Zurückhaltung gegenüber der Initiative des Staatschefs ausgedrückt. Die madagassischen Parteien seien der Ansicht, daß die Begrenzung der Zahl der Parteien anti-demokratisch wäre, und daß die Parteien im vorhinein über den Inhalt des Gesetzentwurfs hätten informiert werden müssen, um ihren Standpunkt darzulegen und ihre möglichen Abänderungen einbringen zu können. Der Status der politischen Parteien sei in einem globalen Umfeld eingebunden in Bezug auf die Demokratie: die Pluralität der Meinungen, die Pressefreiheit, die Gleichheit aller Parteien gegenüber den Medien, die Wahlordnung, die die Wahlfreiheit der Bürger respektiere. Alle hätten abgelehnt, daß das Gesetz über die Rechtsstellung der Parteien im Parlament, in dem die Partei des Präsidenten (TIM) “das Gesetz ist”, geprüft werden solle.
Ab diesem Zeitpunkt habe es Treffen auf verschiedenen Ebenen gegeben, um zur Annahme einer gemeinsamen Erklärung von 21 Parteien zu führen, die einvernehmlich beschlossen hätten, nicht am Treffen des Präsidenten Ravalomanana vom 17. Dezember teilzunehmen. Einige Tage zuvor hätten zwei private Fernsehsender große Auszüge eines Interviews mit dem ehemaligen Präsidenten Ratsiraka übertragen, in dem er seine Ansichten über die aktuelle nationale Lage gegeben habe. Dieses Interview sei am 13. Dezember in seiner Gesamtheit wiederholt worden von dem Sender Viva, dessen Besitzer niemand anderes sei, als der Bürgermeister der Hauptstadt Rajoelina. Um drei Uhr morgens seien die Ordnungskräfte zur Sendestation Viva geeilt, die man geschlossen habe und das Senden verboten, bis zum heutigen Tag.
Viva ordnungspolizeilich geschlossen
Während dieser Tage der Spannung zwischen dem Bürgermeister der Hauptstadt und der Regierung hätten die unterschiedlichsten Gerüchte über eine mögliche Festnahme des Bürgermeisters zirkuliert, den man habe beschuldigen wollen, “Manöver, die öffentliche Ordnung zu stören”, auszuführen. Die Justizministerin, die von einem Journalisten gefragt worden sei, habe erklärt, daß sie “nichts über diese Angelegenheit” wisse, während der Bürgermeister Rajoelina durch eine vertrauenswürdige diplomatische Quelle informiert gewesen sei, daß der Haftbefehl sehr wohl bestehe, daß man ihn aber vorläufig “verschwiegen” habe.
Am 17. Dezember habe der Bürgermeister der Stadt alle politischen Parteien der Opposition in einem Hotel einberufen, die bürgerliche Gesellschaft, die Gewerkschaften, insgesamt 47 Parteien, die sich für die Ausarbeitung einer “Charta der Demokratie” aussprächen und die Schließung von Viva verurteilten. Am nächsten Tag habe eine Versammlung, an der die Vertreter des Wahlausschusses des Bürgermeisters (die Komitees TGV), Wirtschaftsunternehmer, Vertreter der CONECS, Journalisten, ein Vertreter des katholischen Erzbischofs von Antananarivo teilgenommen hätten, beschlossen, einen Krisenstab aufzustellen, um aufgrund des unvorhersehbaren Verhaltens der Machthaber jeglicher Eventualität begegnen zu können.
Ultimatum am 13. Januar
Am Sonntag, 21. Dezember, habe der Bürgermeister Rajoelina in einem Interview, welches von drei privaten Sendern verbreitet worden sei, die Bevölkerung der Hauptstadt informiert, daß er die Belästigung, die er seit einem Jahr von der Regierung erleiden müsse, nicht mehr akzeptiere. Gestärkt durch die gemeinsame Erklärung der 47 Parteien vom 17. Dezember, Gewerkschaften, Verbände, die bürgerliche Gesellschaft, habe er den 13. Januar festgesetzt für die Annullierung der Maßnahme des Verbots von Viva durch die Behörden und das Ergreifen der Initiative im Sinne der Wahrung der Meinungs- und Redefreiheit. Ein Jeder warte auf die Reaktion der Machthaber auf dieses Ultimatum des Bürgermeisters der Hauptstadt.
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