Madagaskar-Blog

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Tag: Demonstration

Die Madagassen in Antananarivo leben jetzt mit der Angst

Grab in Antananarivo

Nachdem am Sonntag ein Teil der Militärs sich von dem Machthaber Marc Ravalomanana losgesagt hatte, gab es am Montag ein gewisses Vakuum, welches von der armen Bevölkerung in der Nähe von Tanjombato genutzt wurde zum Plündern. Im Fernsehen konnte man am Abend vom Montag Szenen dieser Raubzüge sehen, die sich am hellichten Tag abspielten, ohne, daß irgend jemand versuchte, einzuschreiten. Es wurden Fernsehapparate, Matratzen, Scooter und alle sonstigen Waren aus den Läden des Smart Centers in Tanjombato, zum Teil auch mit Einkaufswagen, herausgetragen und gekarrt. Courts, wo es hauptsächlich Möbel im Angebot gibt, Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik, lud im Laden zum Zugreifen ein, wie auch die französische Supermarktkette Jumbo. Die Kamera folgte dem Menschenstrom auf die Straße, alle hatten es eilig, ihre geklauten Sachen möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. Und in der Gegenrichtung kamen jene, die sich noch mehr beeilten, um nicht leer ausgehen zu müssen. Unglaubliche Szenen, aber Realität. Bilder danach.
In einem Interview wurde dann auch am Montag Abend von abtrünnigen Militärs berichtet, wobei einer der Sprecher meinte, daß mittlerweile bereits etwa 75% der Militärs sich für die Belange des Volkes entschieden hätten. In der Zeitung “La Verité
” steht in einem kleinen Artikel, daß in Mahanoro letzten Sonntag bei einer Demonstration ein Demonstrant erschossen wurde. Nachdem die Gendarmerie sich geweigert habe, auf die Leute zu schießen, habe der lokale Distriktchef der Polizei befohlen, die Waffen gegen die Leute einzusetzen. Nach mehreren Schüssen, um die Menge zu zerstreuen, sei ein Mann unter den Kugeln der Polizisten gefallen. Wütend habe die Menge dann den Wohnsitz dieses Repräsentanten der Regierung angegriffen und die offiziellen Autos in Brand gesetzt. Hochglücklich habe dieser Distriktchef rechtzeitig entkommen können. Dieser Bericht zeigt, warum es dazu kommen könnte, daß der verbliebene Rest hinter Marc Ravalomanana auch noch die Seite wechseln könnte, da die Angst vor solchen Repressionen überall groß sein dürfte – die Nachbarn wissen ja, wer Soldat, Polizist oder Gendarm ist. Da kommt hinzu, daß man heute dem von Ravalomanana ernannten PDS für den Posten des Bürgermeisters von Antananarivo, Guy Rivo Randrianarisoa, das Haus abgebrannt hat.

Nach Mittag wurde auf sobika.com berichtet, der Verteidigungsminister von Ravalomanana, der Vize-Admiral Mamy Ranaivoniarivo, sei zurückgetreten. Später wurde berichtet, bei Radio Mada (gehört Ravalomanana) habe er dementiert, zurückgetreten zu sein. Am Abend konnte man im Fernsehen ansehen, wie viele Uniformierte anwesend waren, als er in einem Geländewagen das Gelände des Verteidigungsministeriums verlassen wollte. Man hatte das Tor mit einem Vorhängeschloß versperrt und den Minister aufgefordert, erst seinen Rücktritt zu unterschreiebn, bevor er gehen könne. Keiner der Anwesenden mochte dem Minister helfen, das Tor zu öffnen. Dann berichtete sobika.com von 5 Toten bei Kämpfen zwischen Anhängern von TGV und TIM, von denen es im Fernsehen aber keine Erwähnung gab.

Auf alle Bewohner der Stadt wirkt sich die aktuelle Lage aus. Heute waren viele Läden geschlossen und auch ein Hotel hatte ein verschlossenes Gitter, das sonst vermutlich nur nachts geschlossen wird. An vielen Stellen gab es wieder Straßensperren in der Stadt. Auch die Kinder bekommen die Krise mit, ihre Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, und beim Spielen kann man sehen, wie Ängste zum Vorschein kommen, die dann im Spiel eingebaut und verarbeitet werden. Man denke nur an die ganzen Kinder, die mit dem Giftgas in Berührung gekommen sind.

Der Diktator selbst hat heute in einer Ansprache im Sender TVM zugegeben, Fehler gemacht zu haben und daß er jetzt zuhören werde. Das zeigt an, wie weit er gesunken ist, die Arroganz scheint verflogen zu sein. Das Ende der Ära Ravalomanana und seiner Herrschaft scheint nahe.

Petition an den Präsidenten von Madagaskar und den Bürgermeister von Antananarivo

Die Hand drauf

An: Den Präsidenten von Madagaskar und den Bürgermeister von Antananarivo

Für die Herren Marc Ravalomanana und Andry Rajoelina

Sehr geehrte Herren,

angesichts der politischen Krise, die Madagaskar derzeit durchzieht, unterzeichnen wir, Bürger von Madagaskar oder woanders, diese Petition, damit Sie und die Personen, die Sie jeweils unterstützen, akzeptieren, den Dialog zu beginnen, um möglichst bald alle Streitpunkte zu lösen, die Sie in Konflikt zueinander bringen, und nur das übergeordnete Interesse der Nation und des madagassischen Volkes zu betrachten.

Mit dem harten Leben, das wir bereits führen, können wir uns den Luxus nicht mehr leisten, unser Land und unser Leben von Ihnen für Ihren persönlichen Eifer als Geiseln nehmen zu lassen.

Viele Leben sind bereits ausgelöscht worden, viele Güter sind wegen dieser Krise zerstört worden. Es reicht!

Wir fordern also, daß Sie eine Lösung durch den Dialog und nicht durch die Demonstration Ihrer Autorität finden.

Wir starten auch einen Aufruf an alle Kräfte der Nation, alle Mittel einzusetzen (nationale Debatte, nationale Konzertation usw.), damit sich eine solche Krisensituation nie mehr in unserem werten Land wiederholt.

Wir Bürger wollen den Frieden und nicht Ihre egoistischen politischen Querelen.

Daß Gott Ihnen beiden und Ihren Anhängern den Mut und den Willen gibt, den Dialog zu akzeptieren.

Um ihre Heimat besorgte Madagassen

Foto: aboutpixel / Konstantin Gastmann

Andry Rajoelina “TGV” erklärt sich zum Führer von Madagaskar

Teilnehmer der Demonstration in Analakely

Bei der heutigen Demonstration in Analakely wiederholte der gewählte Bürgermeister von Antananarivo die Verfehlungen seines Gegners, Marc Ravalomanana und erklärte sich dann anschließend mit sofortiger Wirkung zum Führer von Madagaskar. Er erklärte an alle Behörden und Staatsorgane, daß er ab jetzt die Befehle erteilt und gab Anweisung, daß am Montag die Ministerien geschlossen bleiben. Auf der Seite von Ravalomanana gab es bis zum Abend nur eines dazu: Funkstille. Dann jedoch kam eine Mitteilung vom Präsidentenamt:
Der Präsident hat erklärt, daß sich am Montag jedermann wieder zur Arbeit begeben muß. Das Justizministerium sowie das Verfassungsgericht werden sich damit beschäftigen, daß der Bürgermeister sich selbst zum Präsidenten erklärt hat und werden die nötigen Maßnahmen treffen. Er hat daran erinnert, daß es in Madagaskar der Präsident der Republik ist, der der Staatschef ist. Er hat bemerkt, daß da 1546 Bürgermeister sind, die sich nicht alle zum Präsidenten proklamieren können. Er bleibt Präsident der Republik und wird sein möglichstes tun, das Land zu entwickeln.
Er hat erklärt, daß das Land im Norden, Süden, Osten und Westen ruhig ist, aber das große Problem ist der mangelnde Zugang der Bevölkerung zu den Produkten der Grundbedürfnisse. Er hat versichert, daß die Regierung und die internationalen Organisationen daran arbeiten, zu versuchen, die Bevölkerung zu versorgen. Er hat versichert, daß es dazu zahlreiche Gerüchte gegeben hat, besonders wegen des Nichtsendens von TVM in den Regionen, was große Auswirkungen auf die Bevölkerung gehabt hat. Aber die Lage ist im Allgemeinen im ganzen Land ruhig.
Er hat außerdem versichert, daß der Premierminister, von einer madagassischen Delegation begleitet, ihn bei der Versammlung der Afrikanischen Union in Addis Abeba nächste Woche repräsentieren wird. Madagaskar wird das Gipfeltreffen der Afrikanischen Union im Juli immer noch empfangen.

Das Bild zeigt die versammelte Menge der Demonstranten.

Unversöhnliche Logik

Rauchwolke

Nach dem Beginn der Plünderungen und Brandschatzungen in Antananarivo am 26. 1. 2009 wurde als Reaktion darauf in der Zeitung “La Verité” am 27. 1. 2009 dieser Artikel veröffentlicht:

 

Während man auf einen dritten Dieb im Hinterhalt warte, scheine die vorherrschende Lage in der Hauptstadt beiden Seiten aus dem Ruder geglitten zu sein. 20 Tote am gestrigen Tag, so scheine es. Auf jeden Fall seien die verschiedenen brennenden Gebäude von gestern perfekt dafür ausgewählt worden, daß sie Symbole für die ewigen Ableger des aktuellen Regimes gewesen seien, und zwar seit 2002.

Die Unzufriedenheit habe seit sehr langer Zeit in einer verarmten Bevölkerung geschwelt, jeden Gefühls der Sicherheit beraubt und vor allem kein Vertrauen mehr in die aktuellen Führer habend. Es habe permanent unterschwellige Anzeichen gegeben. Die aktuellen Führer seien ständig bei zahlreichen Gelegenheiten angepöbelt worden und die Alarmglocken hätten von allen Seiten geläutet. Aber sie hätten sich taub gestellt und hätten sich in dieser scheinheiligen Überzeugung gefallen, allmächtig und ungestraft zu sein, anders gesagt, über dem Gesetz zu stehen. Niemand, einschließlich der internationalen Gemeinschaft, aber auch die Anhänger des Regimes, könne das bestreiten. Noch vorgestern hätten die Treuen des Regimes Ravalomanana sich in ihrer Haltung der Leichtgläubigkeit in ihrem Lügengebäude verfangen, als sie eine Demonstration der Stärke zeigen wollten, einerseits durch die Dienstverpflichtung aller Beamten, besonders unter den Stäben der Ministerien und andererseits durch die Bezahlung von Empfangsgruppen in den Vierteln. Denn dieses Regime sei überzeugt gewesen, daß man alles kaufen könne, die Seelen, die Wahlstimmen und die Menschen. Außerdem hätten sie die Anhänger in den Randgebieten aufgehetzt. Ungeahnte Energien hätten sich freigesetzt bei dieser vom aktuellen Regime total unterdrückten Bevölkerung, ohne Skrupel und ohne Furcht. Es sei keine Frage, die Gewalttaten sowie den Vandalismus zu billigen. Diese, man müsse sie auch erkennen, seien bereits das tägliche Los der Bevölkerung. Ganz zu schweigen vom Sittenverfall und dem Verfall der Mentalitäten, ein Abbild jener der Führer, die alles andere seien, als Waisenknaben, trotz ihrer vorgeführten Religiosität, besonders dazu bestimmt, das Volk zu verdummen und ihre Perversität zu verbergen. Es gehe also darum, die Gründe dafür zu verstehen. Und da brauche man nicht weit weg zu suchen. Die Aspekte des täglichen Lebens dieser Bevölkerung seien beredt und erklärten für sich das Abgleiten der aktuellen Situation. Vor allem, daß die Führung, angesichts der ständigen Appelle an sie, diese systematisch mit Gleichgültigkeit und Verachtung beantwortet hätte. Es sei klar, daß das Land und die gesamte Bevölkerung nicht unbeschadet aus diesem Chaos und dieser Glut herauskämen. Die Aufrufe zum Dialog, wie alle anderen Aufrufe bezüglich der Entgleisungen des einen oder anderen, würden vergeblich bleiben. Es gebe nun auch noch genug Raum, um den am weitesten verbreiteten Schluß zu bestreiten, gemäß dem in Madagaskar in Sachen Entwicklung einmal mehr alles wieder von vorn zu beginnen sei. Denn faktisch habe seit 2002 oder davor nichts begonnen. Außer den Straßen. Die Führungsriege habe sich, um beim Staatschef und seiner Familie zu beginnen, vor aller Augen in unverschämter Weise bereichert, vor dem ganzen Volk, welches machtlos dem beigewohnt habe, durch wucherischen Ankauf und Inbesitznahme aller Gewerbezweige, ab dem Punkt, an dem Aktivitäten rentabel gewesen seien. Der ganze Staatsapparat sei bis in die letzte Ecke schamlos abgeriegelt gewesen. Das Problem sei, daß die Verpflichtung, den Geldgebern zu gefallen, und im Bemühen der internationalen Gemeinschaft zu gefallen, Ravalomanana den Demokrat gespielt habe. Eine Rolle, die ihm nicht wirklich gepaßt und die er zweifellos verabscheut habe. Aber weitgehend gut gezahlt. Mehr, als die besser bezahlten Akteure Hollywoods. Und das sei das schlagende Argument. Er sei in seinen Ambitionen unersättlich gewesen. Ein abgemessener Appetit mit umstrittenen Zutaten, um sich zu bereichern, das Volk aushungernd: 300% Preissteigerung beim Reis, fast ebenso fürs Wasser und die Elektrizität, sowie die Kraftstoffe – während die Löhne mit lächerlichen und armen 10% Wachstum pro Jahr gestiegen seien. Manche fragten sich, ob das ausreichende Gründe für diese Entgleisungen für vandalistische Taten seien, die dabei seien, sehr beunruhigende Ausmaße anzunehmen und nichts gutes verhießen für das Land, welches buchstäblich unbeherrschbar geworden sei. Das, was klar sein müsse ist, daß die Taten von gestern, die verwerflich und verurteilbar seien, der Ausdruck dieses Unmuts, von dem die Medien ohne Unterlaß gesprochen hätten, seien. Man dürfe auch nicht den Fehler begehen, zu erklären, daß die gesamte madagassische Bevölkerung, daß das Land dennoch einen Stillstand gekannt habe.
Dies möge stimmen, aber das ändere keinesfalls den Mißbrauch, der von den Behörden an der Bevölkerung begangen worden sei. Auf jeden Fall sei das, was derzeit passiere, in jeder Hinsicht beklagenswert, zeige eine unversöhnliche Logik einer Situation, deren Verantwortung zu einem sehr großen Anteil einem einzigen Mann zuzuschreiben sei. Dieser habe tatsächlich den Regen und das gute Wetter im Land gemacht…

TGV mit Volldampf am Platz des 13. Mai

Fernsehbild

Im Radio erinnerten heute gefragte Leute daran, daß Ravalomanana 2002 bei seinem Kampf um die Macht am Platz des 13. Mai gesagt habe, wenn er mit so vielen Menschen, die gegen ihn wären, konfrontiert wäre, dann würde er gehen. Hat er das gesagt, so stellt sich die Frage, ob er dazu steht, denn oben hat man einen kleinen Eindruck von der Menge der Leute: Wird er gehen? Am Montag wird man dann sehen können, wie viele Menschen inzwischen gegen ihn auf die Straße gehen, denn Rajoelina hat zu einer neuen Demonstration am Montag aufgerufen, wobei er diesen Tag als schulfrei erklärt hat.
Heute waren noch sehr viel mehr Menschen bei der Demonstration in Ambohijatovo, als am letzten Samstag, so, daß man wegen der Begrenztheit des Platzes beschlossen hat, zum Platz des 13. Mai umzuziehen. Das hat nun in Madagaskar schon eine gewisse Tradition. Wird das auch einmal ein Ende haben? Dabei kommen einem die Bilder eines französischen Filmberichts in den Sinn, als am 10. August 1991 der damalige Präsident Didier Ratsiraka den Befehl gab, auf die Demonstranten zu schießen, die vom Platz des 13. Mai zum Regierungspalast in Iavoloha marschierten.
Die Forderung von Rajoelina an Ravalomanana, der gerade mit seinem neuen Flugzeug in Südafrika weilt: Er soll den Rücktritt erklären.
Auf dem Bild sind die Menschenmassen in Ambohijatovo zu sehen, bevor sie nach Analakely zum Platz des 13. Mai umgezogen sind.

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